1.1 Setting

Die Arbeit am Tonfeld® findet i.d.R. in Form von Einzelsitzungen statt. Ein Klient bzw. eine Klientin sitzt in einem sicheren Raum an einem Tisch. An der Seite – bei der Arbeit mit Kindern auch gegenüber – sitzt eine ausgebildete Fachkraft als Begleiter*in. Auf dem Tisch befindet sich ein Tonfeld, ein flacher, oben offener Holzkasten, der ganz glatt mit weichem, gut gestaltbarem Ton ausgestrichen ist. Neben dem Tonfeld steht eine Schale mit Wasser, das nach Wunsch und Belieben in die Arbeit mit einbezogen werden kann.

Das Einverständnis des Klienten bzw. der Klientin vorausgesetzt, steht eine Videokamera bereit, um die Sitzung aufzuzeichnen. Die Aufzeichnung ermöglicht es, in dem abschließenden Nachge- spräch bestimmte Dinge nochmals zu visualisieren und kann zur Vorbereitung auf eine möglicher- weise folgende Sitzung verwendet werden.

Einzelstunden

Arbeit am Tonfeld®:

1.2 Vorgespräch

In einem Vorgespräch wird, falls nicht bereits geschehen, geklärt, welches Entwicklungspotenzial vorhanden ist und wie man dem gewünschten Ziel näher kommen kann.

1.3 Ablauf

Es gibt keine inhaltliche Vorgabe und keine konkrete Handlungsaufforderung, nur die Anregung, den Impulsen und Wünschen der Hände und ihrer spontanen Bewegungen zu folgen. Erwachsene arbeiten nach Möglichkeit mit geschlossenen Augen, damit sie sich ganz der Selbst-Bewegung ihrer Hände überlassen und ihren Tastsinn frei entfalten lassen können. Kinder und Jugendliche lassen die Augen geöffnet. Erwachsene werden einfach gebeten, mit geschlossenen Augen zu versuchen, das Feld zunächst einmal wahrzunehmen. Das flachgestrichene Tonfeld gibt dabei, anders als irgendein Gebrauchsgegenstand, keinerlei Hinweise, was mit ihm getan werden könnte.

Und so ist es die eigene Bewegung, die erste Formen im Material entstehen lässt. Der weiche Ton nimmt die Qualität einer jeden Berührung und Bewegung der Hände auf und bildet sie ab. Auf- grund erworbener Verhaltens- und Beziehungsmuster hat jeder Mensch eine individuelle Art, mit dem Ton umzugehen. Viele Erfahrungen sind mit Tabus, verborgenen Ängsten, verinnerlichten Er- wartungen, Minderwertigkeitsgefühlen u. ä. belegt. All diese Aspekte, die die eigene Persönlichkeit im Kern ausmachen, drücken sich in der Geste der Hände aus. Im spontanen Tun kann der Mensch seinen schöpferischen Impulsen, inneren Bildern und Empfindungen nachgehen. Dabei hinterlässt er Spuren, die dann als erste Vorgestalten auf einmal wahrgenommen werden und neue Bewegungsimpulse auslösen. In der Art der Bewegung liegt dabei immer ein bestimmter Ausdruck oder Affekt, eine Zögerlichkeit oder Lust oder was auch immer, in der er sich in seiner Befindlich- keit selbst erfährt.

Mag diese Befindlichkeit (anfänglich) auch diffus und unbestimmt sein, so beeinflusst sie doch die Bewegungen und deren Abbildungen im Ton und lässt so mit der Zeit nach sehr genau nachvoll-ziehbaren Regeln („Grammatik“) Gestaltungen entstehen, die dieser Befindlichkeit, den unbewuss- ten Bedürfnissen, Ängsten und Sehnsüchten entsprechen und sie damit bewusst und greifbar ma- chen. Geht es z.B. um den diffusen Wunsch nach Halt und Sicherheit, so werden vorzugsweise Berge, Griffe oder Türme entstehen. Beim Thema Berührung entstehen häufig Höhlen oder Scha- len. Oder wenn Behauptung und Positionierung das eigentliche, noch ungeklärte Bedürfnis ist, so wird eine Gestalt in der Mitte auftauchen – eine Kugel, ein Turm oder was auch immer.

Die Arbeit wirkt zunächst unspektakulär, wie Basteln etwa. In Wirklichkeit aber vollziehen sich am Tonfeld sehr interessante und spannende Prozesse. Hier kann sich der Mensch nämlich auch ganz neu erleben. Die Kiste mit Ton wird zur Welt, in der er sich wahrnehmen, erleben, orientieren und behaupten kann, die er gestaltet, in der er sich wohlfühlt, in der er Dinge nachholen und Gren- zen sprengen kann. Die Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die in den Gesten der Hände zum Ausdruck kommen, können nun anders angesprochen und damit auch anders aufgefasst werden. Diese innere, oft unbewusste Neubewertung von Handlungsschemata setzt Entwicklungsimpulse, oft auch neue Entdeckungslust frei sowie das Gefühl, Autor der eigenen Biographie zu sein oder sein zu können, selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt durch Rollenerwartungen oder Außen- zwänge. Aus alldem erwächst ein neues Selbstverständnis und Selbstbewusstsein sowie die Chance, den weiteren Lebensweg anders zu gestalten, bewusster vielleicht, kraftvoller, mutiger, natürlicher – und das auch ohne Reflektion oder verbalen Dialog.

1.4 Begleitung

Die begleitende Fachkraft gibt keine Handlungsanweisung. Falls nötig, regt sie dazu an, das Feld zu berühren oder in das Feld hineinzugreifen. Sie ist einfach da, beobachtet, nimmt wahr, bestätigt, unterstützt auf senso-motorischer Ebene. Dabei vermittelt sie Halt und Kontinuität und hilft dem/der Arbeitenden, sich in diesem Erleben zu begreifen und sich neu zu orientieren.

Die Fachkraft spricht die Bewegungen und Berührungen der Hände im spielerischen Umgang mit dem Ton gezielt an. Dabei hat sie jederzeit die Basissinne (Hautsinn, Gleichgewichtsinn und Tiefensensibilität) im Blick, die die Grundlage von Beziehungsbildung und jeglichen Lernens sind. Durch diese besondere Ansprache werden weitere Bewegungen und Berührungen der Hände am Ton und das Sich-Selbst-Begreifen initiiert. So entsteht die Freiheit, Neues auszuprobieren, verfes- tigte Strukturen zu verändern und Entwicklungsblockaden zu lösen. Sensomotorische Störungen können ausgeglichen, emotionale Defizite nachgeholt und die eigenen Ressourcen aktiviert werden.

Um diese neuen Erfahrungen integrieren zu können, braucht es eine Begleitung, die das Geschehene bestätigt, benennt und damit verifiziert. Ohne diese Bestätigung bleibt die Erfahrung leer, kann nicht wirklich verinnerlicht werden und es ist gleichsam, als wäre nichts geschehen. Die Begleitung ist sozusagen Zeuge und Hebamme zugleich bei diesem Prozess der Gestaltung und Selbstgestaltung.

Für das Gelingen einer Begleitung und als stabile Basis für das Beziehungsgeschehen zwischen Fachkraft und Arbeitendem ist ein Verhältnis gegenseitiges Vertrauen förderlich. Nur so können auftretende Übertragungen geklärt und Phasen des Zweifelns gemeinsam überwunden werden.

1.5 Nachgespräch

In einem abschließenden Gespräch kann das Geschehen der Sitzung nochmals reflektiert und da- mit vertieft werden. Ziel ist es, die gewonnen Erkenntnisse auf den Alltag der/des Arbeitenden zu übertragen. Dies ist auch eine gute Gelegenheit, das weitere Vorgehen besprechen.

1.6 Dauer

Eine Tonfeldsitzung dauert üblicherweise – ohne Vor- und Nachgespräch – zwischen 15 und 40 Minuten, insgesamt nicht länger als 1 Stunde. Ihr Ende wird nicht vom Begleiter, sondern vom Kli- enten bestimmt, wenn er das Gefühl hat, fertig zu sein. „Fertig“ im Sinne der Tonfeldarbeit ist eine Arbeit dann, wenn die Hände erfüllt sind (der/die Arbeitende vom eigenen Tun also selber berührt ist), gleichzeitig eine Distanz gegenüber dem Objekt erreicht ist (Ablösung oder Freistellung des „Ich“), eine innere Ausrichtung gewonnen wurde (eine größere innere Klarheit über eigenes Wollen, Wünschen, So-sein) und der rekonstruierte Sinngehalt in einen größeren Zusammenhang gestellt werden kann.

Die Erfahrung zeigt, dass ca. 10 Sitzungen in zweiwöchigem Abstand meistens ausreichen, einen Entwicklungsprozess anzustoßen. Die Dauer solcher Prozesse ist sehr unterschiedlich; sie ist abhängig u.a. von den geistigen und seelischen Möglichkeiten des/der Arbeitenden, aber auch vom Ausbildungsstand der begleitenden Fachkraft, von ihren Kenntnissen der Methode, ihrer praktischen Erfahrung in der Entwicklungsbegleitung in der Tonfeldarbeit und ihrem Einfühlungsvermögen in andere Menschen. In Akutsituationen trifft man sich häufiger. Bei Symptomen, die schon länger bestehen, muss mit entsprechend mehr Zeit gerechnet werden. Auf Wunsch ist es auch möglich, Pausen einzulegen oder sich seltener zu treffen.